SchülerInnen und Studierende rufen zum Bildungsstreik auf!

11. Juni 2009

Gemeinsam gegen die Missstände in der Bildungspolitik

Bildungsstreik 2009 – der Titel ist Programm. Mit einer bundesweiten Aktionswoche vom 15. bis 19. Juni sollen Missstände des deutschen Bildungssystems öffentlich gemacht werden.

Andere europäische Länder zeigen bereits, wie es geht: SchülerInnen und Studierende protestieren gegen Leistungsdruck, Konkurrenz, Überlastung und Perspektivlosigkeit.

Bildung ist ein wichtiges Gut in unserer Gesellschaft. Die Bildungspolitik wurde zur Ländersache erklärt und auch in Bayern beginnt sie bereits in den Kindertagesstätten und geht weiter bis an die Hochschulen. Alle geht sie etwas an: die Schüler und Schülerinnen, die Studierenden, die Lehrer und Lehrerinnen, die Erzieher und Erzieherinnen sowie die Eltern und die gesamte Gesellschaft! Und wenn die Politik nichts unternimmt, sind wir dazu aufgerufen zu handeln! Deshalb gehen wir am 17. Juni gemeinsam auf die Straße, um für eine Verbesserung des deutschen Bildungssystems zu demonstrieren!

Im Jahr 2009 wollen Studierende und SchülerInnen das erste Mal gemeinsam gegen die verfehlte Bildungspolitik auf die Barrikaden gehen, denn gemeinsam können wir mehr erreichen. Gemeinsam haben wir die Aktionswoche zum Bildungsstreik auf die Beine gestellt, denn wir denken, dass Bildungspolitik nie über die Köpfe derjenigen hinweg entschieden werden darf, die sie betrifft!

Wir versuchen euch mit dieser Zeitung verschiedene Argumente aufzuzeigen, warum es sich lohnt gegen die Bildungspolitik zu protestieren. Unsere AutorInnen, SchülerInnen und Studierende, haben Artikel zu den Mängeln in unserem Bildungssystem und seinen Schulformen verfasst. Da die Politik unsere Forderungen nicht ernst nimmt, nehmen wir die Situation selbst in die Hand und wollen euch motivieren, dies auch zu tun. Wir hoffen, dass ihr viel Spaß beim Lesen habt und Neues über das Bildungssystem erfahrt.

Eure Redaktion

Lernen für Noten?

11. Juni 2009

Tagtäglich gehen wir in die Schule, aber warum? Weil wir müssen. Schulpflicht. Nicht um dort etwas zu lernen, sondern weil das Gesetz uns zwingt. Gut, aber wenn uns das schon keinen Spaß macht, warum setzen wir uns dann auch noch nachmittags hin und lernen, oder besser, versuchen irgendwie den Stoff, von dem erwartet wird, dass wir ihn am nächsten Tag beherrschen, in uns hinein zu pauken? Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, was wir da „lernen“, es ist immer der gleiche Vorgang: Bis zum nächsten Test muss der Stoff im Kurzzeitgedächtnis behalten werden, dann kann alles wieder vergessen werden. Dass das Ganze recht sinnfrei ist, ist uns allen klar, darum machen wir es ja auch so ungern. Bloß warum tun wir das überhaupt, warum unterwerfen wir uns jahrelang gegen unseren Willen diesem Prinzip der Wissens-Bulimie, fressen den Stoff in uns rein und kotzen ihn bei der nächsten Prüfung wieder aus?

Weil wir darauf Noten bekommen. Umso besser man nämlich dieses Prinzip beherrscht, desto bessere Noten bekommt man. Ob das Thema einen interessiert, ob man sich damit richtig auseinandergesetzt hat oder nur ein paar Fakten auswendig gelernt hat, ohne das Hirn eigentlich anzuschmeißen und sich überhaupt einen einzigen Gedanken zu dem Thema zu machen, das ist egal, das spielt keine Rolle bei der Benotung.

Aber muss das so sein – warum bekommen wir eigentlich Noten?

„Leistungen, von denen der Schüler weiß, dass sie zur Kenntnis genommen und qualifiziert werden, widmet er größere Aufmerksamkeit  und nimmt sie ernster.“

Das soll bedeuten, Noten motivieren uns. Doch ist das wirklich wahr, motivieren uns die Noten? Oder nicht vielmehr die Folgen, die sie haben können? Warum sind die Noten für uns so wichtig? Nur wegen der Konsequenzen, die sie nach sich ziehen. Für uns.

Haben wir zu schlechte Noten, bleiben wir sitzen.

Haben wir zu schlechte Noten, werden wir auf Haupt- oder Sonderschulen aussortiert.

Haben wir zu schlechte Noten, bleibt am Ende nur Hartz IV.

Warum werden aber genau die SchülerInnen von weiterer Bildung ausgeschlossen, die sie doch anscheinend am nötigsten haben? Weil das Ziel unseres Schulsystems keineswegs der Einser-Abiturient ist, sondern das Ziel unseres Schulsystems ist die Reproduktion der bestehenden Bildungshierarchie – wer oben ist, soll oben bleiben, wessen Eltern unten sind, soll unten bleiben – heute in der Schule, morgen im Betrieb.

Die Pisa-Studie zeigte, dass SchülerInnen aus bildungsfernen Haushalten, also vor allem aus Migranten- und Arbeiterfamilien, in Bayern siebenmal (!) weniger Chancen haben, aufs Gymnasium zu gehen, als Kinder aus Akademikerfamilien – Bildung hängt in unserem System vom Elternhaus und dessen Bildungsstandart ab.

Aber was für einen Abschluss wir haben, entscheidet darüber, welchen Arbeitsplatz (oder ob überhaupt einen) wir bekommen und damit, an welchem Platz in der Gesellschaft wir einmal stehen werden. Dabei werden die Unterschiede zwischen Arm und Reich immer größer – mittlerweile ist es ein Viertel der Bevölkerung, das in relativer Armut lebt, während 10% der Deutschen zwei Drittel des Gesamtvermögens besitzen. Irgendwie muss ja geregelt werden, zu welcher Schicht du einmal gehören wirst – das passiert in der Schule. Noten dienen zunächst der Selektion und entscheiden, auf welche Schulart man geht, und später als Abschlussnoten der Verteilung von Berufs- und somit Lebenschancen.

Das Ganze ist aber keineswegs gerecht, denn Noten sind keine, wie es oft behauptet wird, objektiven und vergleichbaren Leistungsbeurteilungen. Noten entstehen, indem die SchülerInnen einer Klasse in Konkurrenz zueinander gesetzt werden. Da sie so immer am Durchschnitt einer Klasse orientiert sind, können sie höchstens aussagen, wie „gut“ ein/e SchülerIn im Vergleich zu seinen KlassenkameradInnen ist.

Außerdem ist und bleibt eine Noten immer ein subjektives Urteil des/der LehrerIn. In einer Studie aus dem Jahr 1999 wurden 1000 LehrerInnen aus ganz Deutschland gebeten einen Deutschaufsatz bzw. Mathematiktest zu benoten. Von „sehr gut“ bis „mangelhaft“ war jede Note beinahe gleichmäßig vertreten. Was den LehrerInnen über den/die anonyme SchülerIn erzählt wurde, hatte bei der Benotung ein großes Gewicht. Es geht also weniger um den Stoff an sich als darum, es dem/der LehrerIn am besten recht zu machen.

Ein anderes Argument, dass oft für Noten verwendet wird, ist ihre Rückmelde- oder Informationsfunktion. Bloß wie informativ ist denn so eine Ziffer? 1,2,3,4, 5 oder 6. Was für eine schöne Rückmeldung von Seiten der Schule.     Die Note ist schlicht eine Information über den erreichten Grad an Wissensreproduktion in einem bestimmten Fach – Über meine Schwächen und Stärken, über meine Vorlieben und Interessen, über meine persönliche Entwicklung, über meinen tatsächlichen Wissensstand in diesem Fach oder gar den Grad der Durchdringung des Themas, mein Verständnis für die Komplexität der Sachverhalte, darüber enthält eine bloße Ziffer leider keine Information.

Eine wirkliche Rückmeldung für uns SchülerInnen wären dagegen differenzierte Gutachtenzeugnisse, wie es sie schon an einigen privaten alternativen Schulmodellen gibt. Denn die können uns all diese Informationen geben, die für uns auch persönlich Bedeutung haben und mit denen wir als Menschen gewürdigt werden.

Solche Gutachtenzeugnisse machen selbstbestimmtes Lernen erst möglich. Wir könnten endlich das lernen, was uns interessiert, und nicht das, wozu wir durch Noten und strikt vorgegebene Lehrpläne gezwungen werden. Und erst in einer von Zwang und Konkurrenzdruck befreiten Lernsituation ist wirkliches Lernen möglich, wirkliche Beschäftigung mit und Aneignung von Wissen und Fähigkeiten, und dazu gehören auch soziale Fähigkeiten wie Teamarbeit, Kritikfähigkeit und Eigenverantwortung.

Anna

Demokratie an Schulen

11. Juni 2009

Basisdemokratische Verfahren an Schulen als Grundlage der demokratischen Gesellschaft

Deutsche Politiker betonen immer wieder die Wichtigkeit der Vermittlung von demokratischen Werten an Schulen. Doch inwiefern basiert unser Schulsystem wirklich auf einer demokratischen Grundlage und wieweit ist der einzelne Schüler in demokratische Vorgänge einbezogen?

Die wichtigsten Entscheidungen, die eine Schule zu fällen hat, sind meist für die völlig desinformierten Schüler unbeeinflussbar. Geht es nun um Entscheidungen über finanzielle Mittel, mögliche Pläne über die Veränderung der schulischen Räumlichkeiten, um die Bewertung von Lehrern und Referendaren oder auch um Lerninhalte und Unterrichtsformen, besteht für die Schüler keinerlei Möglichkeit ihre Meinung in demokratischen Verfahren mit einzubringen. So werden beispielsweise oft Gelder für im Auge der Schüler unbrauchbare Artefakte ausgegeben, während für von Schülern dringend gebrauchte Dinge kein Geld mehr zur Verfügung steht.

Die einzige demokratisch erscheinende Institution, die SMV (Schülermitverwaltung), wird größtenteils von Klassensprechern aber auch von engagierten Schülern gebildet. Die SMV ist für die Organisation schulinterner Veranstaltungen sowie für die Vermittlung zwischen Lehrerschaft (insbesondere Direktorat) und Schülern zuständig, wobei sie aber über kein ernstzunehmendes politisches Druckmittel verfügt. An der Spitze der SMV stehen drei Schülersprecher, wobei der Wahlvorgang zu ihrer Bestimmung von Schule zu Schule variiert. Meistens sind die Klassensprecher jedoch für die Wahl des Schülersprechers verantwortlich, es gibt also kein basisdemokratisches Wahlverfahren.

Natürlich sind uns die Schwierigkeiten, die mit der Einführung direktdemokratischer Verfahren einhergehen, durchaus bewusst, jedoch sind wir der Meinung, dass das demokratische Verständnis, welches für ein radikal demokratisches System unabdingbar ist, bereits in Schulen unbedingt vermittelt werden sollte, damit es den Jugendlichen später möglich ist, ihrer politischen Verantwortung gerecht zu werden.

Daher fordern wir:
An der Schule:

  • Basisdemokratische Abstimmungen über die Schule betreffende Entscheidungen (gleiches Stimmrecht für Schüler, Lehrer und schulinternes Personal).
  • Regelmäßige Vollversammlungen.
  • Regelmäßige Information für Schülern und Kollegium über schulinterne Vorgänge.
  • Bewertung von Lehrkräften und Referendaren unter Einbezug der Schüler.

Bei Lerninhalten:

  • Eingeschränkte Mitbestimmung von Schülern und Lehrern bei den Lehrplänen (Basiswissen auf jeden Fall voraussetzen!!).
  • Möglichkeit zur freien Auslegung der Lehrpläne nach Interessen der Schüler und aktuellen Vorgängen.
  • Vermittlung von demokratischen Werten im Unterricht.
  • Erweiterung des Politikunterrichts auf aktuelle Zustände und Aufklärung der Schüler über eigene Einflussmöglichkeiten.

Kathi

„Demokratie“ an der Hochschule

11. Juni 2009

Die Bevölkerung der Ludwig-Maximilians-Universität setzt sich zusammen aus:

  • 44.500 Studierenden,
  • 2.450 wissenschaftlichen MitarbeiterInnen,
  • 2.450 sonstigen MitarbeiterInnen und
  • 694 ProfessorInnen.

Dementsprechend verteilen sich die Sitze im Senat, dem zentralen Gremium der Universität auf:

  • 2 Studierende,
  • 2 wissenschaftlichen Mitarbeit-erInnen,
  • 2 sonstige MitarbeiterInnen,
  • 10 ProfessorInnen und
  • die Frauenbeauftragte.

Ein kleines Ungleichgewicht? Ich bitte Euch, warum sollten unmündige Kinder, frisch von der Schule, an der sie auch nie gelernt haben Verantwortung zu übernehmen, jetzt die Belange der gesamten Universität maßgeblich beeinflussen dürfen?

Demokratie funktioniert nur unter Gleichen, unter der Voraussetzung, dass jede/r Beteiligte mündig genug ist, eine Entscheidung zum Wohle der Allgemeinheit zu treffen. Dazu in der Lage sind nur Personen, die in die Hochschule integriert sind, am Alltag der Hochschule teilhaben. Studierende, die KundInnen der Hochschule, partizipieren nur als EmpfängerInnen von Wissen, nicht als MitgestalterInnen.

Gelegenheit sich auch in der Mitgestaltung zu üben, wird ihnen besser nicht gegeben. So behaupten sie unverständlicherweise auch nach zwei Jahren immer noch, dass Studiengebühren nicht förderlich für die Hochschulen wären.

In ihren Händen würde die Hochschule zu einem Ort verkommen, an dem sich jede/r bilden dürfte, der Forschung und Lehre vereinen würde. Ein Ort an dem selbst der Begriff „Lehre“ hinfällig würde, an dem alle Beteiligten, ungeachtet ihres Titels zu Lernenden, sich Bildenden, werden würden.

Solcher oder so ähnlicher Unsinn spukt in den Köpfen der Studierenden herum. Kein Wunder also, dass schon 1973 die verfasste Studierendenschaft in Bayern abgeschafft wurde. Mittlerweile werden die Studierenden dank einer Experimentierklausel im Hochschulgesetz wieder ein wenig beteiligt, in den Studiengebührenkomissionen ist sogar die Hälfte der Gremiumsmitglieder studentisch. Gott sei Dank hat dieses Gremium nur beratende Funktion, so kann die Hochschulleitung zur Not immer noch über die Studiengebühren verfügen, wie sie es für richtig hält.

Zeitgleich mit den Studierenden wurde eine andere, neue Gruppe in die Gestaltung der LMU einbezogen; „hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und beruflicher Praxis“. Diese Gruppe vertritt niemanden aus der „Bevölkerung“ der Hochschule, nimmt aber 50% der Plätze im Hochschulrat ein, laut der LMU neuerdings „das zentrale Entscheidungsgremium“. Schlaue Köpfe, die sich erfolgreich in der harten Welt da draußen durchgesetzt haben und die mit Fug und Recht als Elite bezeichnet werden dürfen.

Ist die Meinung von zehn Menschen mehr wert als die von 45.000? An der LMU ja, warum auch nicht? Das Leben an der Hochschule benötigt schnelle, entschlossene Entscheidungen von kompetenten, erfahrenen EntscheidungsträgerInnen. Wieso alle nach dem Wohl aller befragen, wenn es einige wenige sowieso besser wissen?

Die Lösung für all unsere Probleme liegt in der Sammlung aller Entscheidungskompetenzen bei möglichst wenigen Personen, kurz gesagt, der präsidialen Autokratie, von rückständigen GeschichtswissenschaftlerInnen auch „Diktatur“ genannt. Schnöde Zukunftsfantasien? Keineswegs, an der LMU wird sie bereits gelebt! Vorgaben aus dem Präsidium werden in allen Gremien durchgeklopft, kritisches Nachhaken aus „Zeitmangel“ zurückgestellt. Gehandelt wird nach „Empfehlung“ des Präsidiums, das immer beratend zur Stelle ist.

Was tun? Als aus dem Entscheidungsprozess weitgehend ausgeschlossene, ist die stärkste Waffe der Studierenden der Lärm. Penetrantes, nicht nachlassendes aufmerksam Machen auf die Missstände an der Hochschule und die Unfähigkeit der „führenden“ Experten sie zu lösen. Gleichzeitig stehen wir in der Verantwortung Lösungen auszuarbeiten und zu präsentieren; das Potential ist da:

Die 50.000 hellen Köpfe der Hochschulbevölkerung sind in der Lage die Hochschule besser zu denken und zu gestalten als eine Handvoll Autokraten. Sie benötigen nur die Möglichkeit realer demokratischer Mitbestimmung.

Georg

Hauptschule als „Resteschule“ stigmatisiert

11. Juni 2009

Hauptschüler haben mehr drauf als man Ihnen zutraut!

Warum wurde in der Vergangenheit kein gutes Wort über die Hauptschule verloren? Wenn PolitikerInnen sich über die Hauptschule äußern, bleibt meist ein negatives Bild zurück. Warum diese Geringschätzung? Und dass nur halbscharige Reformen durchgeführt werden, indem Haupt- und Realschulen fusioniert werden, es eine Orientierungsklasse (Gelenkklasse) in der 5. Jahrgangsstufe gibt, verbessert den Stand der Hauptschule in keinster Weise, denn die Reformen halten am bestehenden System fest, ohne viel daran zu ändern.

Jeder Mensch muss/te einmal in seinem Leben in die Schule und kaum etwas prägt so sehr als die eigene Schulzeit. Wenn also unsere SchülerInnen endlich einen besseren Stand, bessere Bedingungen und ein positives Grundverständnis in der Gesellschaft haben sollen, brauchen wir eine grundlegende Bildungsreform, die endgültig mit dem alten, festgefahrenen System bricht.

Denn welche/r LehrerIn oder SchülerIn geht gerne in eine Schule auf der man zu hören bekommt: „Und, lässt Du Dich für Hartz IV ausbilden“? Als Lehramtsstudierende/r bekommt man solche Vorurteile von Lehramtsstudierenden anderer Fachrichtungen zu spüren. Eine Legitimation dieser Ressentiments darf es nicht geben. HauptschülerInnen und HauptschullehrerInnen haben mehr Respekt und Anerkennung verdient. In jedem/r SchülerIn, der/die auf die Hauptschule geht, stecken viele nicht ausgeschöpfte Potenziale, die durch eine politische Vernachlässigung einfach nicht zur Geltung kommen können. Dass nach der vierten Klasse Grundschule nach Schularten aufgeteilt wird, ist eine bildungspolitische und das Grundgesetz missachtende Ungerechtigkeit:

„Artikel 2: (1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

sowie „Artikel 3: (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“

Wie lassen sich diese Prinzipien, niedergeschrieben im deutschen Grundgesetz, vereinbaren mit einem System, dass bereits 10-jährige Kinder in drei Schularten einteilt? In Akademiker, Fachkräfte und Arbeiter. Was ist mit der freien Entfaltung derer, die ihre Fähigkeiten erst später, nicht schon in der vierten Klasse entfalten können? Deshalb muss unser selektives Schulsystems dringend reformiert werden, denn wer SchülerInnen ohne empirisch haltbare Kriterien sowie unter Missachtung des Grundgesetzes beliebig auf Schularten verteilt, handelt nicht zum Wohle der SchülerInnen. Sie werden auf das Gröbste ihrer Freiheit beraubt sich eigenständig zu entwickeln.

Deshalb: Weg mit dem dreigliedrigen Schulsystem!

Denn dort bewegt sich jeder in der ihn/sie umgebenden sozialen Gruppe. Wer in das gleiche Gebäude geht, lernt den anderen kennen und kann sich sein Urteil über ihn selber bilden. Vorurteile werden abgebaut. Jeder kann von und durch die Fähigkeiten der anderen SchülerInnen lernen. Auch wer Zeit braucht, um sich zu entwickeln, oder einen „Durchhänger“ hat, bekommt noch eine Chance auf die für ihn bestmögliche Bildung. Bildung braucht Zeit, Entwicklung braucht Zeit – eine HochgeschwindigkeitsLERNautobahn ist der falsche Weg!

Julia, Tobias D.

Ökonomisierung des Bildungswesens

11. Juni 2009

Heute ist der Staat nicht mehr alleine für die Finanzierung im Bildungsbereich zuständig. Private Unternehmen sind als „Geldgeber“ herzlich willkommen und profitieren dabei auch von steigender Attraktivität ihrer Unternehmen.

Werbung und Wirtschaft haben die Schulen für sich entdeckt. Bahlsen, Coca Cola oder Sparkassen finanzieren Unterrichtsmaterialien. Der Gründer des Metro Konzerns stiftet viel Geld, damit ein Gymnasium seinen Namen trägt. Die Allianz organisiert einen kostenlosen „Berufschancen Test“ an Schulen und nutzt die gesammelten Daten zur Kundenwerbung.

In der BRD gibt es ca. 48.000 Schulen mit ungefähr 12 Millionen Schülerinnen und Schüler. Letztere verfügen über etwa 9 Milliarden Euro Taschengeld jährlich. Marketingexperten schätzen, das Schülerinnen und Schüler über weitere Ausgaben in Höhe von 55 Milliarden Euro in ihren Familienhaushalt mitbestimmen und genau bei diesen Ausgaben wollen Unternehmen mitmischen. Reklameplakate in Schulgebäuden, Firmenlogos auf Schulheften oder Marketingevents auf Schulpartys sind keine Seltenheit mehr. Teams der Werbeunternehmen können von Klasse zu Klasse gehen und Aktionen im Unterricht durchführen. Zu den Kunden der Werbeunternehmen an Schulen gehören Coca Cola, Ford, E-Plus, Burger King, Ikea, SPD, FDP, die Bundeswehr und viele andere… Das Erschreckende ist: Was hat die Bundeswehr an Schulen zu suchen? Wie uns allen bekannt ist, wirbt die Bundeswehr immer öfter an Schulen und Berufsmessen mit attraktiven Mitteln wie z.B. mit der Finanzierung des Studiums usw. Sie suchen ständig nach frischem „Kanonenfutter“, das bei Kriegseinsätzen im Ausland für die Interessen der Wirtschaft in fremden Ländern (wie Afghanistan) sein Leben aufs Spiel setzt.

Das mehrstufige Bildungssystem (Hauptschule/Realschule/Gymnasium…) spielt bei dieser Ökonomisierung eine sehr große Rolle. Das Bildungssystem der BRD sichert, dass viele Schülerinnen und Schüler, die zum Großteil aus Arbeiterfamilien stammen, keine Chance beim Aufstieg auf die „höhere Stufe“, also aufs Gymnasium, haben und somit nach der Absolvierung der Hauptschule entweder als Billiglohnarbeiter für Leihfirmen und andere Unternehmen arbeiten oder sich bei der Bundeswehr als Berufssoldat usw.  verpflichten.

Kommen wir zurück zu den Unternehmen. Durch Werbeverträge erhalten Schulen Sach- und Geldmittel. In Zeiten knapper Kassen werden Schulen gezwungen, nach „Geldgebern“ Ausschau zu halten. Werbung und Sponsoring sollen sogar dabei helfen alte, brüchige Schulgebäuden zu renovieren. „Die Pestalozzischule Emden sucht Material zur Lichtschutzdämmung der Flurdecken sowie Montage“ heißt es auf der Homepage der Aktion „bildungslueckenfueller“. Die Evangelische Grundschule Berlin Wilmensdorf bedankt sich für „eine Wandtafel“.

Diese Beispiele lassen uns vermuten, dass der Staat die Ausgaben für die Bildung gesenkt hat. Und tatsächlich sanken die Bildungsausgaben des Staates gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im Jahr 1995 wurden noch 6,9 % des BIP für Bildung verwendet, 2000 lagen die Ausgaben bei 6,7 % und 2006 sanken sie auf 6,2 % und sinken immer weiter, während die Ausgaben für die Rüstung jährlich steigen (2006- 27,87 Milliarden Euro, 2007- 28,4 Milliarden Euro, 2008- 29,45 Milliarden Euro) und Banken und Konzerne Staatshilfen in Milliardenhöhe geschenkt bekommen.

An einigen Schulen wird Scrabble mit „ABC-Russisch-Brot“ Keksen von Bahlsen gespielt oder Schüler und Schülerinnen lernen mit ihrer Hilfe „spielerisch“ das Alphabet kennen. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie Unternehmen ihre Produkte erfolgreich in den Schulen einsetzen und somit Werbung für ihre Produkte machen.

Gymnasien bevorzugt! Gezielt gehen Unternehmen als Sponsoren auf Gymnasien zu, weil Gymnasien zum größten Teil von Akademikerkindern besucht werden und im Gegensatz zu Hauptschülern und Hauptschülerinnen, die aus Arbeiterfamilien stammen, über ein höheres Taschengeld verfügen. Dies sorgt dafür, dass ein heruntergekommenes Gymnasium durch Firmenspenden schneller oder überhaupt an Geld für Reparaturkosten kommt als eine Hauptschule. Hauptschulen fehlt somit das nötige Geld für Lernmittel und für Reparaturen von kaputten Fenstern oder wasserdurchlässige Dächern. Das kann zu enormen Konzentrationsstörungen im Unterricht führen. Dies schafft ein Bild von perfekten Schulgebäuden für wohlhabende Kinder und mangelhaften Schulgebäuden für Hauptschüler und Hauptschülerinnen, die zum größten Teil sozial benachteiligte Kinder sind.

Der Staat zieht sich schleichend aus dem Bildungsfinanzierung zurück und überlässt den Unternehmen immer mehr die Kontrollfunktion in diesem Bereich. Dies zeigt auch die Privatisierung staatlicher Schulen. Also müssen wir uns in Zukunft auch noch um unsere Unterrichtsinhalte Sorgen machen, da Unternehmen diese nach der möglichen „Kontrollübernahme“ nur noch für ihre eigenen Interessen verwenden könnten. (Wobei ich persönlich denke dass dies schon seit mehreren Jahren der Fall ist.)

Kämpfen wir für soziale Gerechtigkeit, kämpfen wir für ein einheitliches Bildungssystem, raus mit den Interessen der Unternehmen aus unserer Bildung. Unsere Schulen, Kindertagesstätten und Universitäten sind keine Märkte.

Faruk

Soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem

11. Juni 2009

Ansichten eines Schülers

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ So lautet Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Doch gilt das auch für die Bildung? Haben Kinder, die aus einem ärmeren Elternhaus abstammen, die gleichen Chancen, wie die aus einem reichen Elternhaus? Die Antwort ist ganz klar: Nein.

Die PISA-Studie zeigte nicht nur die allgemeinen Schwächen des deutschen Bildungssystem, sondern auch, dass in Deutschland die Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Bildung am stärksten sind. Gerade einmal zehn Prozent der Jugendlichen aus Arbeiterfamilien besuchen das Gymnasium. Zugewanderte trifft es meist noch schlimmer. Sie haben im Durchschnitt doppelt so schlechte Chancen.

Gerade Kinder aus sozial schwachen Familien haben bereits zu Beginn der Grundschulzeit ein Defizit gegenüber den Kindern aus Akademiker-Elternhäusern. Ihre Kinder können oftmals schon bei der Einschulung lesen oder haben sich allgemein mehr schulisches Wissen aneignen können. Ihre Eltern haben meist selbst ein hohes Bildungsniveau, das sie an die Kinder weitergeben wollen und mehr Zeit, um sie bereits früh zu bilden.

In Arbeiterfamilien, in denen beide Elternteile arbeiten und selbst nur eine geringe Schulbildung besitzen ist dies in der Regel nicht der Fall. Doch die Grundschule versucht eben nicht alle Schüler und Schülerinnen auf ein gleiches Bildungsniveau zu heben, indem sie zum Beispiel Kinder mit schlechten Leistungen besonders fördert. Vielmehr sortiert sie bereits nach vier Jahren die Kinder nach verschiedenen Schulformen aus. Die Kinder aus den ärmeren Familien kommen im besten Fall an die Realschule, doch meist an die Hauptschule.

An ein Abitur oder gar ein Studium brauchen die Kinder aus Familien ohne „besseren“ finanziellen Hintergrund nicht zu denken. Ein hoher Bildungsabschluss ist für sie vom Staat nicht einmal vorgesehen. Die Lehrmittelfreiheit ist in Bayern nur für Volks- und Berufsschulen gesetzlich vorgeschrieben. Die Erstattung der Fahrtkosten zur Schule geht nur bis zur 10. Klasse, also zum Mittelschulabschluss, und der Wechsel zwischen den Schulformen wird so kompliziert wie möglich gestaltet.

Wie soll eine sozial schwache Familie es ihren Kindern überhaupt ermöglichen ein Gymnasium zu besuchen? Die Eltern haben dieses meist selbst niemals besucht und können ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen oder ihnen Nachhilfe geben. Man muss auch bedenken, dass jeder zweite Gymnasiast Nachhilfe in Anspruch nehmen muss, um die Schule überhaupt irgendwie zu meistern. Die Löcher im Bildungssystem werden so durch die von den Eltern bezahlten Nachhilfelehrer geflickt. Doch beispielsweise für Hartz-IV-Empfänger sind solche teuren Nachhilfestunden nicht bezahlbar.

Auch an der Hochschule sieht die Situation nicht besser aus. Wenn die Studierenden nicht durch ihre Eltern finanziert werden oder neben dem Studium auch noch Vollzeit arbeiten, bleibt ihnen im besten Fall Schulden zu machen, indem sie BAföG beantragen.

Besonders elitär ist das Bildungswesen durch die Studiengebühren geworden. Kinder aus einfachen Verhältnissen haben nun kaum mehr eine Chance einen akademischen Abschluss zu erlangen.

So darf das nicht weitergehen! Schule muss eine Bildungseinrichtung für jede Schicht sein. Ihr Ziel sollte es sein Schüler und Schülerinnen auf den gleichen Wissensstand zu bringen anstatt sie in „schlechte“ und „gute“ Menschen“ zu kategorisieren.

Tobias P.

Forschung und Lehre

11. Juni 2009

oder die Suche nach der Priorität

Die Säulen der universitas wackeln. Was gemeinhin als Idealbild einer Hochschule betrachtet wird: Die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, die Einheit von Forschung und Lehre, sie erscheint nicht mehr zeitgemäß.

Den Kürzeren zieht dabei die Lehre. Sie bringt den Hochschulen weniger Geld und bedeutet für die ProfessorInnen einen größeren Arbeitsaufwand. Diesen Aufwand leisten sie lieber für den durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgerufenen Wettbewerb der Exzellenzinitiative. 2,7 Milliarden Euro sollen die Spitzenforschung in Deutschland voranbringen. Die Hochschulen sollen Leuchttürme der Wissenschaft werden und über ganz Europa ausstrahlen. In zwei Auswahlrunden wird bis 2012 über die Bewerber entschieden und dann, gemessen am Erfolg bestehender Projekte oder vielversprechender Konzepte, ausgewählt. Australien und Großbritannien nutzen dieses Wettbewerbskonzept bereits für ihr System der Hochschulfinanzierung: Während man in Downunder Forschungsgelder nach Forschungsleistung vergibt und man diese an  Publikationen und Drittmitteleinwerbungen misst, bestimmt die Verteilung in Großbritannien ein landesweites Evaluationsprinzip, welches in sieben Leistungsstufen unterteilt ist wobei die beiden Untersten keine Mittelzuweisungen bedeuten.

Diese Art der Forschungsfinanzierung kann aber nicht Ziel in Deutschland sein. Die Hochschulen werden in einen Wettbewerb gestellt, der sie falsche Prioritäten setzen lässt. Ziel kann nicht sein, Spitzenforschung in „Elfenbeintürmen“ zu betreiben und die Studierenden an den Hochschulen zu vernachlässigen.

Auch der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft hat das erkannt: Mit einer Exzellenzinitiative der Lehre versucht er Hochschulen zu motivieren und neue Konzepte der Lehre zu entwerfen. Doch leider entfalten 10 Millionen Euro, getragen von Stifterverband und Ländern, nicht dieselbe Wirkung wie 2,7 Milliarden. Von 104 Universitäten beteiligten sich gerade einmal 57, von 189 Fachhochschulen nur 47.

Für die meisten ProfessorInnen ist und bleibt die Lehre ein notwendiges Übel im Hochschulbetrieb. Im Schnitt kommen heute 60,4 Studierende auf einen/e ProfessorIn (im Vergleich: Vor dreißig Jahren waren es noch 39,5 Studierende/Prof.). Die Anforderungen an die DozentInnen wachsen und trotzdem ist immer noch kein beherztes Eingreifen der Länder  und Hochschulen in Sicht!

Der Wissenschaftsrat fordert bereits eine neue Lehrkultur und ein neues Berufsverständnis der ProfessorInnen. Der/Die ProfessorIn, als AutodidaktIn in der Lehre, muss die Lehre gleichbedeutend neben seiner/ihrer Forschung anerkennen. Es ist ein falsches Zeichen,  ProfessorInnen von ihrem Lehrdeputat zu befreien, sobald sie „exzellenten“ Kreisen angehören – was an manchen Hochschulen bereits praktiziert wird.

Es ist genauso falsch, eine schnelle Lösung des Problems in sogenannten Lehrprofessuren zu suchen. Diese ProfessorInnen leisten nicht automatisch bessere Lehre, nur weil sie sonst nichts anderes tun. Lehrprofessuren vergrößern nur den Abstand der Studierenden zur aktuellen Forschung. Das kann und darf aber nicht das Ziel der Hochschulen sein! Wir laufen Gefahr, Hochschulen in Schulen zu verwandeln, die nur dazu dienen Grundwissen eines Faches durch Frontalunterricht an Studierende weiterzugeben.

Deshalb fordern wir:

  • Verpflichtend didaktische Fortbildungen für DozentInnen.
  • Stärkere Gewichtung der Lehre als Kriterium in Berufungsverfahren
  • Stärkeres Stimmgewicht der Studierenden in Berufungsverfahren.
  • Mehr Finanzierung der Lehre durch den Staat (Bereitstellung der nötigen Infrastruktur an der Hochschule durch Steuermittel anstatt durch Studiengebühren).

Ilona

Soziale Herkunft entscheidet über Bildungserfolg

11. Juni 2009

Ist arm gleich dumm?

Bereits am 25.Juni 1947 riet die Direktive 54 des Alliierten Kontrollrats Deutschland zur Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems. „Der Aufbau des deutschen Schulsystems betont den Klassengeist. Schon im Alter von 10 Jahren sieht sich das Kind eingruppiert oder klassifiziert durch Faktoren, auf die es keinen Einfluss hat, wobei die Einstufung fast unvermeidlich seine Stellung für das ganze Leben bestimmt. Diese Haltung hat bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf dem das autoritäre Führerprinzip gedieh.“, hieß es da. Als der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Vernor Munoz, 60 Jahre später Deutschland bereiste, kritisierte auch er die große Chancenungleichheit im mehrgliedrigen Schulsystem. In seinem Bericht an den UN-Menschenrechtsrat in Genf konstatierte er, dass das mehrgliedrige Schulsystem mit Real-, Haupt-, Sonderschule und Gymnasium für Kinder aus armen Elternhäusern und Migrantenfamilien eine große Benachteiligung darstelle. Das deutsche Schulsystem wirke „extrem selektiv“ und diskriminiere Behinderte, so Munoz. Außerdem legte er der Bundesrepublik „eindringlich nahe“ das mehrgliedrige Schulsystem „noch einmal zu überdenken“. Ähnlich äußerten sich auch die internationale Kinterrechtsorganisation UNICEF und der Leiter der internationalen PISA-Studien Andreas Schleicher. „Die Barrieren sind in den Köpfen, sie sind im Bildungs- und Ausbildungssystem und im Handeln der Politiker“ (Marianne Demmer, GEW). Diese Thesen stießen bei deutschen Bildungspolitikern auf regen Widerspruch. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) stellte das mehrgliedrige Schulsystem beispielsweise als „Erfolgsgeschichte“ dar.   „Schönreden“, nennt das Marianne Demmer, die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), und fordert die Bildungspolitiker dazu auf, endlich die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von sozialer Herkunft zu überwinden. Unrecht hat sie damit nicht, schließlich sprechen etliche in den letzten Jahren veröffentlichte Statistiken und Studien gegen die Behauptung, das mehrgliedrige Schulsystem sei eine Bereicherung und der individuellen Förderung zuträglich. Hier einige Fakten: Eine Studie der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) besagt, dass der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland in starkem Maße von der sozialen Stellung ihrer Eltern abhängt und die Chancen von Kindern aus Einwandererfamilien besonders schlecht sind. In Deutschland schreiben sich 83 von 100 Akademikerkindern auf Hochschulen ein, während Kinder aus Familien ohne akademische Tradition dort nur zu 23 Prozent vertreten sind. Nur acht von 100 Studierenden sind Migrantenkinder, obwohl rund ein Fünftel der Bevölkerung unter 25 Jahren einen Migrationshintergrund aufweist. Für die meisten Akademikerkinder ist eine gymnasiale Laufbahn von Lehrern und Eltern vorgesehen, während bei gleicher Leistung Arbeiterkinder im Durchschnitt zweieinhalbmal weniger Chancen auf eine Gymnasialempfehlung haben. Jede/r zehnte Jugendliche verlässt die Schule ohne Abschluss und ohne Aussicht auf einen Ausbildungsplatz, jede/r zweite HauptschülerIn bekommt keinen Ausbildungsplatz. Das Armutsrisiko von Kindern in Deutschland liegt bei 14 Prozent, wobei der Zugang zu Bildung für benachteiligte Gruppen (z.B. Kinder aus finanziell schwachen Haushalten und/oder mit Migrationshintergrund) verbessert werden muss, um dies zu bekämpfen. Nach einer Studie des Kinderhilfswerks World Vision, bei der 1600 Kinder befragt wurden, fühlen sich Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern schon im Alter von 8 bis 11 Jahren für den Rest ihres Lebens benachteiligt. Weltweit verteilt außer Deutschland nur noch Österreich die Kinder so früh auf verschiedene Schulformen. All diese Zahlen zeigen eindeutig auf, dass durch das mehrgliedrige Schulsystem im Übermaß sozial selektiert wird, was die frühzeitige Entfremdung von Kindern aus unterschiedlich sozialisierten Gesellschaftsgruppen, unnötige Stigmatisierung, Ausgrenzung und Intoleranz zur Folge hat. Diese verfrühte Klassifizierung von Kindern halten wir für gesellschaftlich fatal und inkorrekt. Wir fordern eine demokratische Schule, die es mit Hilfe von alternativen Unterrichtsformen, didaktisch und pädagogisch ausreichend ausgebildeten LehrerInnen und genügend und gut ausgestatteten Räumlichkeiten möglich macht, jedes Kind optimal zu bilden, zu integrieren und zu fördern, wobei das Erlernen demokratischer und sozialer Verhaltensweisen, welches im jetzigen Schulsystem nur schwer möglich ist, einen wichtigen Teil der (Aus-)Bildung ausmachen sollte. Dieser Aufgabe kann das gegliederte Schulsystem nicht gerecht werden. Der einzige sozial gerechte und vertretbare Weg liegt also in einer Gesamtschule, die die SchülerInnen zumindest für die Dauer der Pflichtschulzeit gemeinsam besuchen.

Kathi

Bildungsgerechtigkeit

11. Juni 2009

„Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. […] die höheren Studien sollen allen nach Maßgaben ihrer Fähigkeiten und Leistung in gleicher Weise offen stehen.“ Art. 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lässt eigentlich keine Fragen offen: Bildung ist ein elementares Recht aller Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Staatsangehörigkeit. Na und? In Deutschland ist doch alles in Ordnung, oder? Es gibt genügend Kindergärten, Schulen und Exzellenzuniversitäten, die für die mehr oder weniger gute Ausbildung der nachfolgenden Generationen sorgen. Es gibt BAföG und Stipendien und sogar das Konzept der Ganztagesschulen beginnt sich durchzusetzen. Und beim Übertritt aufs Gymnasium zählen ganz klar nur die Noten – nicht die Herkunft. Der Staat ist sogar so sehr über die Bildung seiner Bürger besorgt, dass Kinder zum Schulbesuch verpflichtet werden. Toll.

Oder etwa doch nicht? Bilden wir es uns nur ein, dass vor allem Kinder aus gut situierten Familien auf weiterführenden Schulen, und vor allem in den Hörsälen anzutreffen sind? Ist einR JugendlicheR mit Migrationshintergrund, vielleicht sogar mit einer anderen Hautfarbe, der/die studiert, nicht doch irgendwie ungewohnt? Und ist die Vorstellung eines Kindes aus einer Akademikerfamilie, das nur den Hauptschulabschluss erreicht, nicht zutiefst absurd??

Ein Blick auf die Statistik bestätigt dies:

  • Kinder aus Familien mit höherem sozioökonomischen Status weisen dreimal geringere Hauptschulbesuchsquoten auf und besuchen fünfmal häufiger das Gymnasium.
  • 83 % der Akademiker-Kinder studieren.
  • nur 23 % aus Familien ohne akademische Tradition besuchen eine Hochschule.
  • Migrationshintergrund führt in allen Stufen des Schulsystems zu Benachteiligungen.
  • selbst bei gleichem Sozialstatus seltener auf dem Gymnasium.
  • ausländische Jugendliche verlassen doppelt so häufig wie deutsche ohne Hauptschulabschluss die Schule.
  • Deutsche erwerben dreimal so häufig die Hochschulreife.

Das Deutsche Studentenwerk stellt fest: „In kaum einem anderen Industrieland ist der Bildungserfolg so stark an die soziale Herkunft gekoppelt wie in Deutschland.“ Und sogar das Jahresgutachten der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft kommt zu dem Ergebnis: „Bildungsgerechtigkeit ist neben dem Leistungsstand deutscher Schüler das Hauptdefizit des deutschen Bildungssystems.“ Bildung und somit spätere Karriere- und Einkommenschancen hängen in Deutschland in hohem Maße von der sozialen Herkunft und dem Bildungsstand der Eltern ab. Die Startvorteile von Kindern aus gebildeten Schichten werden durch das deutsche Bildungssystem gerade nicht durch eine gezielte Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten etwas kompensiert. Ganz im Gegenteil, sie werden vor allem durch das mehrgliedrige Schulsystem weiter zementiert und verstärken sich so von der Grundschule bis zur Universität. Wer aus einer bildungsfernen Familie mit womöglich niedrigem Einkommen stammt, wird sich – wenn er oder sie denn überhaupt so weit gekommen ist – den Schritt an die Hochschule mit der damit verbundenen Aussicht auf Schulden durch Studiengebühren zweimal überlegen.

Jedem Schüler und jeder Schülerin sollte durch gezielte Förderung die Möglichkeit gegeben werden, sich entsprechend seiner oder ihrer Fähigkeiten zu entwickeln und zu entfalten. Und zwar unabhängig vom Elternhaus. Die sozialen Unterschiede sind in unserer Gesellschaft groß genug, die zusätzlichen Hürden für Kinder aus sozial schwächeren Familien müssen beseitigt werden. Da die Intelligenz nicht quasi naturgegeben bei Kindern von reichen Eltern angesiedelt ist, ist es eine zentrale Aufgabe des Bildungssystems, intelligente und lernbereite Kinder, die nicht das Glück hatten, in ein gut situiertes und gebildetes Elternhaus hineingeboren zu werden, gezielt zu fördern. Nicht soziale Selektion sollte das Ergebnis der Schullaufbahn sein, es sollten vielmehr Lernanreize gegeben werden, Möglichkeiten durch Bildung aufgezeigt werden, Neugierde geweckt werden, der Horizont erweitert und zur Selbstentfaltung beigetragen werden. Woher soll ein Kind mit zwei arbeitslosen Eltern denn wissen, dass Bildung sich auszahlt, dass sich gute schulische Leistungen lohnen und ein Weg aus der Perspektivlosigkeit sein können? Dass sich die Zahl der Kinder aus verarmten Elternhäusern immer weiter erhöht, verschärft die Situation zusätzlich: 10 % der Kinder unter 18 Jahren lebten 2006 in einer Familie, in der kein Elternteil erwerbstätig war; bei 3,4 Millionen oder 23 % (!) der Kinder liegt das Familieneinkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze. Der Bildungsbericht 2008 für Deutschland stellt daher fest: „Angesichts der Tatsache, dass ein Leben in solchen Risikolagen zu einer deutlichen Verschlechterung der Bildungschancen führt, ist ihr Ansteigen in den letzten Jahren besonders bedenklich.“

Aber warum sollte das die Gesellschaft als Ganzes eigentlich interessieren? Eine Bildungselite, die sich quasi selbst reproduziert und für den gesellschaftlichen Fortschritt sorgt, ist doch ausreichend, oder etwa nicht? Aus welchem Grund – lässt man Wunschvorstellungen einer gerechten Welt mal außen vor – sollte denn überhaupt Gerechtigkeit in Sachen Bildung herrschen? Für den Einzelnen sind es neben der persönlichen Entwicklung vor allem die erhöhten Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Während ca. 26 % der Personen ohne Mittlere Reife arbeitslos gemeldet sind, sind es bei Akademikern und Akademikerinnen nur 4,5 %. Auch das Einkommen ist um ein Vielfaches höher: Es liegt bei Hochschulabsolventen und Absolventinnen im Schnitt 53 % über dem von Personen mit Abitur oder Berufsabschluss.  Dass dies auch gesamtwirtschaftliche Folgen hat, liegt auf der Hand. So übertreffen aktuell die sozialen Transferleistungen die erforderlichen Kosten zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit um ein Mehrfaches. Die viel zitierte „Schere“ zwischen Arm und Reich resultiert zu einem großen Teil also auch aus unterschiedlichen Bildungschancen und wird durch ein auf soziale Selektivität ausgelegtes Bildungssystem weiter zementiert. Daneben ist die künftige Wirtschaftsstruktur –Stichwort „Wissensgesellschaft“ – durch hochwertige, forschungs- und entwicklungsintensive Produkte und Dienstleistungen gekennzeichnet. Die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften wird bei einer deutlichen Reduzierung der Beschäftigung von niedrig Qualifizierten weiter ansteigen. Hier wird wertvolles Potential vergeudet: Anstatt in die Bildung der breiten Masse zu investieren, was die Abhängigkeit von sozialen Transferleistungen verringern würde, wird durch Elitenförderung und soziale Selektion wertvolles Talent verschwendet. Vor allem im Hinblick auf die demographische Entwicklung stellt dies auch gesamtgesellschaftlich ein großes Problem dar und wird sich in Zukunft noch verschärfen.

Damit keine Missverständnisse auftreten: Der Wert von Bildung liegt keinesfalls nur in wirtschaftlichen Faktoren, dies stellt nur eine positive Wirkung dar. Der Wert von Bildung liegt vielmehr vor allem auch in Bereichen, in denen nicht in Geld gemessen werden kann. Durch Bildung ist gesellschaftliche Teilhabe möglich, sie fördert den Zusammenhalt und die soziale Stabilität einer Gesellschaft, gibt Perspektiven, ermöglicht erst die Selbstentfaltung und fördert die Integration in die Gesellschaft und das politische System. Eine informierte Bevölkerung, der es aufgrund ihres Wissensstandes möglich ist, reflektiert über die eigene Herkunft, geschichtliche Zusammenhänge, Kunst und Kultur, sowie gesamtgesellschaftliche Probleme nachzudenken und mitzudiskutieren, beugt Gewaltbereitschaft und Extremismus eher vor, als Verbote von Killerspielen, die Androhung hoher Gefängnisstrafen oder die Verschärfung des Waffenrechts dies jemals könnten. Durchaus ein Punkt, über den es in Zeiten von Amokläufen an Schulen, einer zunehmenden Gewaltbereitschaft von Jugendlichen und Fremden- und Ausländerhass, nachzudenken lohnen würde.

Sonja

Akkreditierung – was ist das eigentlich?

11. Juni 2009

Mit dem Beginn der Umsetzung der Bologna-Beschlüsse in Deutschland wurden nicht nur die Studiengänge und -abschlüsse auf Bachelor und Master umgestellt, sondern es wurde auch ein neues Qualitätssicherungssystem eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Bundesländer für die Qualitätssicherung und die Zulassung der Studiengänge zuständig. Da die Hochschulen nun  selbstständiger ein eigenes Profil entwickeln sollten, wurde die Konzeption der vielen neuen Studiengänge auch in ihre Hände gelegt. Durch dieses dezentrale System der Studiengangskonzeption, besteht natürlich die Gefahr, dass innerhalb Deutschlands große Unterschiede in der Qualität der Studiengänge und mangelnde Vergleichbarkeit der Abschlüsse entstehen. Um dem entgegenzuwirken, musste eine zentrale Kontroll- und Qualitätssicherungsinstanz eingeführt werden. Die KultusministerInnenkonferenz (KMK), ein Zusammenschluss der Regierungen der 16 Bundesländer, und die HochulrektorInnenkonferenz (HRK), eine Lobbygruppe der Hochschulleitungen, beschlossen deshalb, den Akkreditierungsrat einzusetzen. Verschiedene, von diesem Akkreditierungsrat akkreditierte Agenturen begutachten nun neue Studiengänge und überprüfen die Einhaltung der formalen Vorgaben (wie etwa dass ein Bachelorstudiengang für mindestens drei und höchstens vier Jahre Vollzeitstudium ausgelegt sein muss) und die fachlich-inhaltliche Qualität eines Studiengangs. Auf diese Weise wird die Vergleichbarkeit der Studiengänge sichergestellt.

Was haben wir damit zu tun?

Damit bei der Begutachtung der Studiengänge alle möglichen Aspekte in die Überprüfung miteinbezogen werden, bestellen die Akkreditierungsagenturen sowohl ProfessorInnen als auch VertreterInnen der Praxis für die Akkreditierung eines Studiengangs. Weil diese Gruppen aber offensichtlich Studiengänge aus einer anderen Perspektive betrachten als Studierende, die studentische Perspektive aber völlig andere Mängel, wie z.B. eine zu hohe Arbeitsbelastung (Workload), aufdecken kann, ist es wichtig, dass bei den Gutachten auch Studierende beteiligt sind.

Was bringt uns der Akkreditierungspool?

Der Akkreditierungspool besteht aus VertreterInnen der Bundesfachschaftentagungen (Bufata), den Landesastenkonferenzen (LAK) und dem freien zusammenschluss von studierendenschaften (fzs). Der Pool fordert, dass in allen Verfahren Studierende beteiligt sind und stellt den Kontakt zwischen den Agenturen und den von den beteiligten Organisationen entsendeten Studierenden her. So wird sichergestellt, dass die Qualität der Studiengänge auch aus studentischer Sicht beurteilt wird und unsere Meinung bei der Zulassung neuer Studiengänge mitberücksichtigt wird. So haben wir unter anderem die Chance, falsch konzipierte Studiengänge zu korrigieren, zu hohe Arbeitsbelastung zu senken oder auf andere Probleme der Studierenden vor Ort einzugehen.

Zwar können durch die Mitarbeit bei den Akkreditierungsverfahren Fehler bei der Einführung des neuen Studiengangssystems nicht behoben werden, jedoch bietet diese Mitarbeit eine Chance für studentische Mitbestimmung: Studiengänge werden auch aus unserer Sicht evaluiert und entsprechend dieser Rückmeldung angepasst.

Leider ist es allerdings noch keine Selbstverständlichkeit, dass Studierenden bei den Akkreditierungsverfahren beteiligt sind. Auch müssen die Akkreditierungsagenturen nicht die demokratisch entsandten Studierenden als GutachterInnen akzeptieren, sondern sind in der Auswahl frei. Um die Qualität der Studiengänge zu gewährleisten, ist es jedoch dringend notwendig, dass die entsandten und geschulten Studierenden des Pools an den Verfahren beteiligt werden. Lasst uns diese Chance auf die Mitgestaltung unserer Studienbedingungen nutzen und weiterhin demokratische Akkreditierungsverfahren unter Beteiligung von uns Studierenden fordern!

Franz

Das G8-Gymnasium - ein Erfahrungsbericht

11. Juni 2009

„Wenn man nur will, kann man alles erreichen“, lautet das häufig verwendete Argument, wenn es um das G8 geht. Passt es nicht gut in die heutige Zeit, so schnell wie nur irgendwie möglich zum/r vorbildlichen AbsolventenIn herangezogen zu werden und sich die absolut unbedingt notwendige Allgemeinbildung anzueignen? Danach sofort ins Berufsleben einsteigen, wobei die Tätigkeit an sich eine eher untergeordnete Rolle spielt, Hauptsache es kurbelt die Wirtschaft an. Läuft doch alles gut oder?

Der Lehrplan wurde natürlich längst auf die „überlebenswichtigen Dinge“ gekürzt. Es sollte also kein Problem mehr darstellen, den Stoff in der verkürzten Schulzeit zu bewältigen.

Das sagt die Wissenschaft

Seltsam aber, dass einige Fakten dagegen sprechen. In einer Studie des Soziologen Klaus Hurrelmann ergab sich, dass in den letzten Jahren psychosomatische Störungen sowie ungewöhnlich aggressives Verhalten bei Schülern stark zugenommen haben.

Eine Umfrage der Sozialpädagogin Edda Georgi ergab außerdem, dass etwa 55 % - 70 % der Schüler unter Erschöpfung und Müdigkeit leiden, bis zu 50 % haben stressbedingte Kopfschmerzen.

Angenommen, diese Zahlen sagen die Wahrheit, was nun wirklich unwahrscheinlich ist, wenn man unser so unglaublich durchdachtes Bildungssystem betrachtet, lassen sich dann nicht noch andere Kritikpunkte finden?

Was ist wirklich wichtig?

Ist es beispielsweise wirklich wichtig die Funktionsweise eines Kühlschranks zu kennen, während die politische Grundbildung meistens erst ab der 10. Klasse auf dem Lehrplan steht?

Studien ergaben, dass die Klassenstärke vom G9 auf das G8 von durchschnittlich 26,7 auf 28,1 SchülerInnen pro Klasse angestiegen ist. In der Unterstufe beträgt die Klassenstärke sogar 29 bis 29,5. War es schon vorher relativ fragwürdig, ob ein individuelles Lernen in so großen Klassen überhaupt möglich ist, scheint es nun noch schwerer. Kann der/die LehrerIn schließlich auf 29 SchülerInnen persönlich eingehen?

Auch hier spricht eine Studie deutlich dagegen: Mittlerweile sind 22,3 % der deutschen Kinder auf Nachhilfe angewiesen, wogegen es sich im G9 hierbei um einen verhältnismäßig geringen Prozentsatz von 13,7 % handelte. Die dabei entstehenden Kosten sind für den/die GeringverdienerIn meist nicht erschwinglich, was bedeutet, dass das Bildungssystem sich mal wieder vor allem in der sozialen Selektion profiliert. Das sind natürlich trotzdem noch verhältnismäßig wenige SchülerInnen, doch sogar 40 % benötigen mindestens einmal die Woche die Hilfe ihrer Eltern bei den Hausaufgaben. Was macht also das Kind, das nicht aus einer Akademikerfamilie stammt?

Aber die soziale Selektion ist nicht nur in einem Punkt zu finden, sondern auch das Mittagessen stellt hier ein Problem dar. Das, nebenbei häufig ungenießbare, Mensaessen liegt meist bei einem Preis zwischen 3,50 bis 5 Euro. Da es an vielen Schulen der Fall ist, dass die SchülerInnen mittlerweile täglich Nachmittagsunterricht haben, fällt dieser Betrag auch dementsprechend häufig an. Auch die ohnehin eher selten angebotene finanzielle Unterstützung reicht hier nicht weit, denn es muss genau angegeben werden können, dass man sich in einer finanziellen Notsituation, wie z.B. Hartz IV, befindet. Was ist aber mit Eltern, die zwar nicht auf staatliche Hilfen angewiesen sind, sich es aber trotzdem nicht leisten können, ihrem Kind täglich ein relativ teures Mittagessen zu zahlen? Die Alternative ist dann meistens der Supermarkt um die Ecke, wobei von gesunder Ernährung nicht die Rede sein kann.

40-Stunden-Woche für SchülerInnen

Dieses Problem wäre erledigt, hätten SchülerInnen kein so enorm hohes Stundenpensum zu bewältigen. Von der 7 bis zur 10 Klasse liegt die durchschnittliche Anzahl an Wochenstunden bei etwa 35 Stunden, was unter Beachtung der zusätzlichen Stunden für Hausaufgaben, dem Berufsalltag eines Erwachsenen entspricht. So geben etwa 50 % der Eltern an, ihre Kinder hätten nicht mehr genügend Freizeit.

Doch auch wenn das Ende schon in Sicht ist und die SchülerInnen in die sogenannte Qualifikationsphase, d.h. die 11. Und 12. Klasse, eintreten, kann man kaum von einer Besserung sprechen. In den Fächern Mathe und Deutsch muss nun Abitur gemacht werden, dann haben die SchülerInnen noch die überwältigende Freiheit, sich für eine Fremdsprache, einer Naturwissenschaft und einer Gesellschaftswissenschaft entscheiden zu dürfen.

Durchschnitt 1,0 und besser

Der/die SchülerIn muss also wenn möglich einfach durchgehend gut sein, denn beispielsweise ein Medizinstudium ist erst ab einem Schnitt von 1,4 zulässig. Im Bereich Oberstufe sind sich die „Herren der Bildung“ jedoch noch deutlich unsicher, was auch vollkommen nebensächlich ist, wenn man bedenkt, dass der erste G8-Jahrgang in Bayern bereits nächstes Schuljahr in die „Qualifikationsphase“ kommt.

Ist diese Hürde endlich überwunden stehen die SchülerInnen vor dem nächsten Problem: Sie machen Zeitgleich mit dem letzten G9-Jahrgang Abitur. Auch wenn unsere PolitikerInnen versuchen, zu beschwichtigen, es würden genügend Ausbildungs- und Studienplätze zu Verfügung gestellt, ist kaum damit zu rechnen, dass der Wohn- und Ausbildungsmarkt auf einen derart großen Andrang vorbereitet ist. Die sich dadurch ergebende Warteschleife relativiert das zuvor eingesparte Jahr somit wieder.

Unter genauerer Betrachtung ist das von unseren PolitikerInnen oft als so gut funktionierende Schulreform angepriesene G8, wohl doch eher ein etwas überstürzt eingeführtes und wenig durchdachtes System, das die SchülerInnen lediglich um ein Jahr ihrer Kindheit beraubt.

Felicitas

Menschen mit Behinderung im Bildungssystem: Ein Interview

11. Juni 2009

Menschen mit Behinderung werden in unserem Bildungssystem sehr stark benachteiligt. Sie werden gerne auf sogenannte Förder- oder Sonderschulen abgeschoben, und wenn sie es schaffen, auf eine Regelschule zu gehen, haben  sie es sehr viel schwerer als ihre nicht-behinderten MitschülerInnen. Nur 15% der behinderten SchülerInnen gehen in Deutschland auf eine Regelschule. (Im EU-Durchschnitt sind es 80%!) Wer dagegen an einer Sonderschule unterrichtet wird, hat später kaum noch eine Chance auf berufliche Eingliederung.

Im Schnitt gehen acht von zehn SonderschülerInnen in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Das liegt daran, dass sie nach ihrer Schulzeit kein qualifiziertes Zertifikat erhalten, sondern nur eine Art Teilnahmebestätigung. Wer nach der Förderschule keinen Abschluss an einer weiterführenden Schule erwirbt, gilt als SchulabbrecherIn. Die Berufschancen dieser SchülerInnen sind also verschwindend gering, denn wer stellt schon eine/n Behinderte/n ein, noch dazu ohne Schulabschluss – Wer in unserer Gesellschaft wirtschaftlich nicht „verwertbar“ ist, zählt nichts. Und das fängt in der Schule an. Unser Bildungssystem dient der Produktion von lauter gleichförmigen, unterwürfigen und angepassten Arbeitskräften. Individualität hat da nichts zu suchen. Und Menschen, die von vornherein als anormal stigmatisiert werden, Menschen mit einer Behinderung, die nach dem allgemeinen Leistungsbegriff nicht so viel „leisten“ können wie die anderen, fallen durchs Raster der Verwertungslogik.

Jana, 19, leidet an Muskelschwäche und ist Rollstuhlfahrerin. Sie kommt aus Kaufbeuren und wohnt jetzt in München in der Pfennigparade, einer stationären Einrichtung für Menschen mit körperlicher Behinderung, in der diese wohnen und zur Schule gehen können. Im Moment geht sie in die 11. Klasse auf die FOS.

Deutschland bildet in Europa das Schlusslicht bei der Integration von Menschen mit Behinderung an Schulen. Wie hast du das persönlich zu spüren bekommen?

Schon in den normalen Kindergarten zu gehen, war für mich ein Problem. Ich durfte dort nur hin, weil meine Schwester auch in diesem Kindergarten war. Wegen meiner Behinderung musste ich noch in einen Vorschulkindergarten gehen und bevor ich auf die Grundschule gehen durfte, musste ich eine eigene Prüfung machen, ob ich auch „schultauglich“ bin, ob ich wirklich nicht geistig behindert bin. Dann war die Grundschule nicht behindertengerecht eingerichtet, mein Papa hat schließlich selbst in der Schule eine Rampe für mich gebaut. Und meine Freundinnen haben mir beim Toilettegehen geholfen. Ein Pflegedienst, der in der Pause hätte kommen können, wurde mir nicht gezahlt. Die sind sozusagen davon ausgegangen, dass meine Mutter nicht arbeitet und in der Pause kommen kann.

Aber zum Glück haben meine Freunde mir geholfen. Das musste ich also alles privat regeln, Unterstützung von der Schule konnte ich nicht erwarten, die haben mich grad so akzeptiert, aber mehr nicht.

Als ich dann nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen wollte, konnte ich nicht auf das staatliche Kaufbeurener Gymnasium, weil es nicht behindertengerecht war, und mit dem vielen Räume-Wechseln wäre das nicht möglich gewesen. Es gab noch eine katholische Klostermädchenschule, wo ich aber nicht hin wollte. Die hätten zwar einen Aufzug gehabt, aber pflegemäßig wäre da auch nichts gewesen.

Also musste ich mit zehn Jahren nach München ziehen in die Pfenningparade, und bin auf das Dante-Gymnasium gegangen, wo ca. 20 behinderte Schüler waren. Da gab es einen Aufzug, eine Pflegekraft, eine Behindertentoilette, und man hat bei Prüfungen Zeitverlängerung bekommen. Gefehlt hat mir aber trotzdem, dass die Integration da nur theoretisch war, wir haben nie in der Klasse darüber geredet, immer hieß es „keine Zeit“. Ein Problem war auch, dass auch Nichtbehinderte den Aufzug benutzen, sodass ich nicht mehr reinpasste und diejenige, die meinen Rollstuhl schob und ich zu spät kamen. Der Lehrer sagte dann einfach, ich solle doch früher aus der Pause gehen.

Dann habe ich es nicht mehr geschafft auf dem Gymnasium und bin nach der siebten Klasse auf die Realschule gegangen. Aber in München wurde ich nirgendwo genommen, immer wurden bloß fadenscheinige Argumente vorgebracht wie dass sie keine Pflegekraft einstellen könnten.

Also bin ich auf die Pfenning-Real-schule, obwohl ich eigentlich lieber auf eine Regelschule gegangen wäre. Auch nach der Realschule hat mich keine staatliche FOS genommen, und genau dasselbe bei den Münchner Gymnasien, bei denen es eine Übergangsklasse gegeben hätte, bis auf das Adolf-Weber-Gymnasium, aber da gab es nur einen Wirtschaftszweig. Interessant wäre für mich der sozialwissenschaftliche Zweig gewesen, aber meine Interessen zählten ja nicht.

Deswegen bin ich schließlich auf die Pfenning-FOS gegangen. Das Konzept Integrationsschule finde ich ja gut, aber diese Schulen sind oft eher eine Art Sozialauffangbecken, wo Behinderte abgeschoben werden zusammen mit Schülern, die es auf einer Regelschule nicht schaffen. Dort leben sie aber wie in einer Schutzblase und werden mit den Problemen, die Behinderte in unserer Gesellschaft haben, nicht konfrontiert. Viele Eltern erziehen auch ihre behinderten Kinder „Du bist behindert, du schaffst es sowieso nicht“. Diese Kinder wachsen dann sehr behütet und isoliert auf, eine Lösung ist das aber nicht.

Es gibt also eine große Diskrepanz zwischen dem, was rechtlich möglich ist, und der Praxis. Was meinst du kann man dagegen tun?

Erstens sollte man Gelder bereitstellen, das Schulen für den Umbau zur behindertengerechten Schule und zur Einstellung von Personal nutzen können. Dann wäre es w ichtig, dass im Unterricht generell mehr über Randgruppen gesprochen wird, über Behinderte genauso wie über wirtschaftlich Schwächere. Bei der Integration ist es wichtig, das man sich auch  mit dem Thema beschäftigt, wenn es einen nicht betrifft.

Wichtig ist es auf jeden Fall, dass extrem viel Geld fließen muss, um Barrierefreiheit zu garantieren. Irgendwann soll es normal sein, dass Behinderte und Nichtbehinderte in Freizeit und Schule miteinander leben.

Menschen mit einer Behinderung werden in unserem Bildungssystem extrem benachteiligt. Auf eine Regelschule zu gehen, ist für behinderte SchülerInnen sehr schwierig, und über den Sonderschulweg sind die Chancen verschwindend gering, einen guten Abschluss zu erreichen. Du hast es trotz allem bis zum Studium geschafft.

Was muss sich deiner Meinung nach am Bildungssystem ändern?

Viele Körperbehinderte gehen auf Förderschulen, weil es nicht so leicht ist, eine geeignete Regelschule in ihrem Umkreis zu finden, vor allem auf dem Land. In den Wohngruppen ist aber auch oft kein Platz mehr, und dann zahlt der Staat lieber die Anfahrt als eine Wohngelegenheit in der Nähe der Schule. Für Behinderte ist deswegen oft eine zwei- bis dreistündige Anfahrt normal.

Was sich am Bildungssystem ändern müsste, gilt für Behinderte eigentlich genau wie für Nichtbehinderte.

Es müsste an jeder Schule einen Zivi oder einen SFJler geben, egal ob Behinderte auf der Schule sind oder nicht. Dann müsste Integration von Menschen mit Behinderung im Unterricht viel mehr thematisiert werden. In den Lehrbüchern sind zum Beispiel nie Rollstuhlfahrer abgebildet. Und die Klassen müssen kleiner werden.

Oft zieht eine körperliche Behinderung auch eine geistige Behinderung nach sich, diese Schüler sollen aber nicht auf die Sonderschule abgeschoben werden, sondern in einer Gesamtschule individuell gefördert werden. Behinderte haben oft eine verzögerte Entwicklung, die Zeit dafür muss gegeben werden.

Anna

Studiengebühren – immer noch ein Thema an bayerischen Hochschulen!

11. Juni 2009

Vor zwei Jahren wurden zum Sommersemester 2007 die Studiengebühren an Bayerns Hochschulen eingeführt. 500 Euro pro Semester werden seitdem an den meisten Hochschulen zur Verbesserung der Studienbedingungen von den Studierenden gefordert. Oft werden diese zusätzlichen Mittel in den Erhalt gekürzter Stellen investiert oder in längst überfällige Baumaßnahmen gesteckt. Da Studiengebühren trotz Studienbeitragsdarlehen sozial ungerecht bleiben und eine elternunabhängige Finanzierung des Studiums fast unmöglich machen, haben die Studierenden den Kampf gegen die Semestergebühren noch nicht aufgegeben. In einem „Offenen Brief“ forderten sie dieses Jahr bereits die PolitikerInnen auf, klar Stellung zu Studiengebühren zu beziehen und stellten aus ihrer Sicht die Argumente gegen Studiengebühren dar.

Offener Brief zum Thema Studiengebühren am 24.03.09 von Tobias Dreier, Martin Diehl, Klaus Denzinger und Ilona Schwiermann

Sehr geehrte Mitglieder der Bayerischen Staatsregierung,

das Ergebnis der Kommunal- und Landtagswahlen hat den Wunsch der Bürgerinnen und Bürger Bayerns nach politischen Veränderungen zum Ausdruck gebracht. Neue Konstellationen in Landtag und Staatsregierung bieten die Chance für weitreichende politische Veränderungen. Ergreifen Sie diese Chance. Bayern ist bereit für eine Zeit mutiger Weichenstellungen.

Insbesondere die Hochschulpolitik bietet Raum für zukunftsweisende Verbesserungen. Wir begrüßen die Korrektur von Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Die Abschaffung der Verwaltungsgebühr und die Befreiung weiterer sozialer Gruppen von den Studiengebühren sind ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Dass Studieren in Bayern aber weiterhin stark vom Geldbeutel der Eltern abhängt, bleibt eine traurige Realität. Die Studie „Studiengebühren aus Sicht der Studienberechtigten“ im Auftrag des HochschulInformations-Systems (HIS) sowie der Aufruf der deutschen Studentenwerke zur Abschaffung von Studiengebühren zeigen, dass Studiengebühren die soziale Auslese an Deutschlands Hochschulen weiter verstärkt haben. So wirken die Gebühren als zusätzliche Bildungsbarriere - vor allem für Frauen und junge Menschen aus den sogenannten „bildungsfernen Schichten“. Nach Plänen des Wissenschaftsministers soll in Zukunft jede/r dritte SchülerIn eines Jahrgangs ein Hochschulstudium aufnehmen. Die Zahl der Studierenden aus bildungsfernen und finanziell schlechter gestellten Familien ist leider sehr gering. Gerade dieses Potenzial lässt Bayern bis jetzt durch die Erhebung der Gebühren brach liegen. Es kann auch aus ökonomischer Sicht nicht im Interesse Bayerns sein, talentierte Menschen auf diese Weise ihrer Chancen zu berauben.

Wir wissen, dass Mitglieder aller Parteien im Bayerischen Landtag Zweifel an der Erhebung von Studiengebühren hegen. Neben SPD und Bündnis 90 / Die Grünen setzt sich mit den Freien Wählern nun auch eine dritte Kraft offen für die Abschaffung der Gebühren ein. Unabhängig von parteipolitischen Gräben bitten wir Sie, den Dialog über eine Abschaffung der Studiengebühren voranzutreiben. Darüber hinaus: Sprechen Sie auch mit den gewählten Vertretungen der Studierenden, sowie der Schülerinnen und Schüler.

Studiengebühren sind keine Voraussetzung für herausragende Studienbedingungen. Voraussetzung ist vielmehr eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Hochschulen, von der Deutschland bisher weit entfernt ist. Die Lösung dieses Problems in der Erhebung von Studiengebühren zu suchen ist ein Trugschluss. Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass die Studiengebühren einen unverzichtbaren Anteil an der Finanzierung der Hochschulen ausmachen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Summe der Studiengebühren gemessen am Bayerischen Gesamthaushalt beläuft sich auf weniger als 0,5%. Selbst im Hochschuletat betragen die Einnahmen aus Gebühren nicht einmal 4%. Die abschreckende Wirkung von Studiengebühren steht in keinem Verhältnis zu den Einkünften, die daraus erzielt werden. Die momentan von den einzelnen Studierenden abverlangten Gebühren müssen aus dem Haushalt des Freistaates aufgebracht werden. Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Vor dieser Aufgabe drücken sich die AkademikerInnen nicht. Im Gegenteil erbringen sie später gemäß ihres tatsächlichen Einkommens einen beträchtlichen Teil des Steueraufkommens. Auf diese Weise leisten alle besser verdienenden BürgerInnen im Sinne eines Generationenvertrages für die Bildung einen entscheidenden Beitrag. Sie ermöglichen damit die Ausbildung der Akademiker von morgen - für alle SchülerInnen und Studierenden unabhängig von deren finanziellen und familiären Hintergründen. Studiengebühren dagegen belasten gerade die Kinder von Geringverdienenden „über Gebühr“.

Somit stehen Studiengebühren im Widerspruch zu herausragenden Studienbedingungen. Aus diesen Gründen lehnen die überwältigende Mehrheit der Studierenden in Bayern und ihre gewählten VertreterInnen die Gebühren ab. Das spiegelt sich auch in den großen und andauernden Protesten wieder. Eine bayernweite Petition gegen Gebühren (www.studiengebuehrenbayern.de) zählt bereits über 25 000 UnterstützerInnen aus allen Gesellschaftsgruppen.

Mit der Abschaffung der Studiengebühren können Sie eine wichtige Weichenstellung vornehmen: Bayern braucht ein fortschrittliches und gerechtes Bildungssystem für alle! Wir möchten wissen, wie Sie als TrägerInnen politischer Verantwortung zu diesem Thema stehen, denn es ist zu wichtig, um es allein Mitgliedern des Hochschulausschusses zu überlassen. Wir würden uns gerne mit Ihren Argumenten und Ideen auseinandersetzen und bitten Sie deshalb auf diesen Brief persönlich zu antworten.

Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihr Bemühen.

SoS
Studieren ohne Studiengebühren

Baut auf, was euch aufbaut!

11. Juni 2009

Bei der letzten bayernweiten  Demo gegen Studiengebühren waren wir insgesamt 16700 Leute, die für das Recht auf Bildung auf die Straße gegangen sind. Damit haben wir gezeigt, dass wir nicht widerspruchslos alles mit uns machen lassen, und dass wir viele sind - aber wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, müssen wir weiter kämpfen. Unsere Bewegung wird breiter: Am 17. Juni werden Studierende, SchülerInnen, LehrerInnen, Eltern, Azubis, ErzieherInnen,  Beschäftigungslose etc. gemeinsam demonstrieren - gegen Missstände, von denen wir alle betroffen sind. Unsere wichtigste Waffe ist die Solidarität: Auch wenn wir durch die gegenwärtigen Verhältnisse oft in Konkurrenzsituationen getrieben werden, müssen wir zusammenhalten. Jede einzelne Interessensgruppe für sich wird nichts erreichen - nur gemeinsam können wir etwas ändern! Vor allem vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise ist es wichtig, dass wir uns gemeinsam dagegen wehren, dass die Folgen der Krise auf die Jugend abgewälzt werden. Wir haben sie nicht verursacht und wollen auch nicht dafür zahlen.

Da viele SchülerInnen unter 18 sind und deshalb noch nicht wählen dürfen, und auch Studierende noch keine politische Lobby haben, ist es wichtig, dass wir unsere Meinung auf anderen Wegen zum Ausdruck bringen. Ein Weg ist dieser Bildungsstreik.

Denn geschenkt bekommen wir von der Politik gar nichts, wenn wir Verbesserungen am Bildungssystem wollen, müssen wir sie uns erkämpfen!
Nehmt eure demokratischen Grundrechte wahr!

Kommt auf die Demo!
Erkämpft, was euch zusteht!

Bye bye Bayern? Junge SonderpädagogInnen auf dem Abstellgleis

11. Juni 2009

Ausbildung finanziert, zum Unterrichten zu teuer!

Seit einigen Jahren bekommen viele SonderpädagogInnen nach ihrer Ausbildung nur noch befristete Einjahresverträge angeboten und finden sich auf  Wartelisten wieder, obwohl der Bedarf an SonderpädagogInnen klar gegeben ist. Derzeit befinden sich  545 (!!!) „BewerberInnen“ auf diesen Wartelisten, die Wartezeit ist auf fünf Jahre begrenzt. In den Kollegien herrscht trotz gleicher Arbeit bereits eine Zweiklassengesellschaft: die verbeamtete SonderschullehrerInnen und die VertragssonderschullehrerInnen. Unterschied: Bis zu 700 Euro weniger Gehalt im Monat bei gleicher Arbeit.

Es ist evident, dass dieser Zustand für die Betroffenen schwerwiegende negative Auswirkungen hat. Als erstes ist die Verunsicherung als Folge der prekären und stets nur befristeten Arbeitsverhältnisse zu nennen. Diese wird noch verstärkt durch das Wissen über die zeitliche Begrenzung dieses Zustands auf 5 Jahre und der absoluten Ungewissheit darüber, wie es danach weitergehen kann.

Jahr für Jahr bangen die betroffenen LehrerInnen erneut darum, überhaupt eine Anstellung zu bekommen. Eine dauerhafte Lebensperspektive und -planung ist so nicht möglich.

Die gesetzlichen Regelungen zu befristeten Verträgen erzwingen darüber hinaus häufige Schulwechsel, was in einigen Fällen auch wiederholte kostspielige Wohnortwechsel in kürzester Zeit zur Folge hat (Stichwort Kettenverträge!). Der Umstand, sich immer wieder aufs Neue in eine völlig neue Schul- und Klassensituation einarbeiten zu müssen, entwertet das sich bereits mühsam erarbeitete Wissen um die spezifische Schulsituation, die besondere SchülerInnenpopulation und die jeweiligen Schulausstattungen.

Neben den negativen Folgen der existentiellen Unsicherheit für die jungen Lehrkräfte ergeben sich aber auch negative Folgen für SchülerInnen, Eltern und die Schulen.

Die mit viel Engagement aufgebauten Kontakte zu Eltern, das Wissen über familiäre Hintergründe, die zu einem besseren Verständnis für SchülerInnen-Persönlichkeiten und problematische Verhaltensweisen führen,  sind mit einem Schlag nutzlos.

Ganz besonders für die SchülerInnen an Förderschulen haben ständige Lehrerwechsel negative Konsequenzen für Motivation und damit auch Lernerfolg. Mühsam entwickelte Vertrauensverhältnisse werden für die weitere pädagogische Arbeit wertlos. Der neuen Lehrkraft wird mit Frustration und Misstrauen begegnet. Die fehlende Kontinuität hat damit zwangsläufig negative Auswirkungen auf die Unterrichtsqualität.

Aber auch für die betroffenen Kollegien hat dieser Zustand unerfreuliche Auswirkungen. Sie sind ständig gezwungen neue KollegInnen einzuarbeiten. Mit längerfristig für den Schulbetrieb erforderlichen Funktionen können diese in sinnvoller Weise nicht bedacht werden.

Die viel gerühmte und teuer bezahlte Evaluation wird bei ständig neu gemischten Kollegien vollends zur Farce. Die Forderungen nach Schulentwicklung und Schulprofilen sind unter diesen Bedingungen schwer bis gar nicht umzusetzen.

Dabei werden diese gut ausgebildeten jungen Lehrkräfte Jahr für Jahr dringend zur Aufrechterhaltung des Status Quo gebraucht. Der prognostizierte drastische Rückgang der SchülerInnenzahlen findet vor allem im sonderpädagogischen Bereich so nicht statt. Seit Jahren müssen fehlende Stellen mit Grund- und HauptschullehrerInnen aufgefüllt werden.

Etliche der jungen LehrerInnen aber haben Bayern bereits  den Rücken gekehrt und sind in andere Bundesländer abgewandert, wo sie meist mit offenen Armen aufgenommen werden. Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werben mittlerweile intensiv mit besseren Arbeitsbedingungen und sicheren Zukunftsaussichten (sofortige oder zeitnahe Verbeamtung). Die Abwanderung wird immer stärker und der Mangel an SonderpädagogInnen jedes Jahr noch größer.

Die Not ist bereits so groß, dass zum Halbjahr des Schuljahres 2008/2009 frei gewordene Stellen mit AbsolventInnen der Sonderpädagogik mit 1. Staatsexamen als Vertretungen eingestellt werden mussten. Dieser Zustand ist für das selbst ernannte Bildungsland Bayern nicht länger tragbar.

Deutschland hat die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert und sich zu einem inklusiven Schulsystem verpflichtet. Das allgemeine Schulsystem soll sich so entwickeln, dass Menschen mit Behinderungen am individuellen Bedarf orientiert die notwendige Unterstützung erhalten, damit sie sich mit ihren Fähigkeiten voll entfalten und tatsächlich an der Gesellschaft teilhaben können. Es kommt schnell der Verdacht auf, dass die repressive Einstellungspolitik beibehalten und sogar noch verschärft wird, um die Kosten für die teuer ausgebildeten SonderpädagogInnen an den Sonderschulen einzusparen. Der Gedanke, dass man in einem Schulsystem, in dem jede/r SchülerIn inklusiv unterrichtet werden kann, keine Sonder- und Förderschulen und damit auch keine Sonderschullehrer mehr braucht, liegt nahe.

Besonders ein inklusives Schulsystem aber wird ohne eine ausreichende Anzahl gut ausgebildeter und motivierter SonderpädagogInnen nicht funktionieren können!

Wer glaubt Inklusion mit der Einsparung der SonderpädagogInnen verwirklichen zu können hat sich entweder mit der Thematik noch nicht ausreichend auseinandergesetzt oder versucht schulische Sparprogramme mit dem wohlklingenden Etikett „Inklusion“ zu vertuschen. Vor allem in Zeiten der bildungspolitischen Inklusions-Debatte sind sonderpädagogische Kompetenzen an allen Schularten unabdingbar!

Das Bündnis für faire und pädagogisch sinnvolle Einstellungspraxis fordert darum:

  1. Eine faire Einstellungspraxis durch mehr Planstellen für benötigte und gut ausgebildete SonderpädagogInnen!
  2. Die Abschaffung der pädagogisch sinnlosen Einjahresverträge!
  3. Keine schulischen Sparprogramme unter dem Deckmantel der Inklusion!

Wer inklusive Bildung verwirklichen will, benötigt sonderpädagogische Kompetenz!

SchülerInnen, Eltern und SonderpädagogInnen sind aufgerufen, sich gegen die repressive Einstellungspolitik im Förderschulwesen zu wehren. Jedes Kind hat ein Recht auf bestmögliche Förderung! Mehr: www.sopaed.net

Florian  K.

Beherzt handeln, weil Bildung Bayern wichtig ist!

11. Juni 2009

SchülerInnen und Studierende haben beim CSU-Wahlkampf mitgemischt. In München waren wir auf auf den Wahlkampfveranstaltungen in Trudering, Unterschleißheim und auf dem Münchner Stachus präsent. Durch unsere „Beherzt handeln! Weil Bildung Bayern wichtig ist.“-Flyer sind wir oft mit CSU-AnhängerInnen ins Gespräch gekommen, die uns bei der Forderung, die Studiengebühren abzuschaffen und die Bildungslandschaft zu verändern, unterstützen.
Bei der Veranstaltung in Trudering machten wir mit einem großen Banner mit der Aufschrift „Beherzt handeln gegen Studiengebühren“ auf uns aufmerksam. Horst Seehofer kam an uns quasi nicht vorbei und hat uns wider-erwarten einen Termin mit ihm in der Staatskanzlei angeboten.

Auch in Unterschleißheim als Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Wahlkampfveranstaltung der CSU zur Unterstützung gekommen war, waren wir mit Schildern und Flyern vor Ort. Wir bekamen wieder viel Zuspruch von den anwesenden ZuschauerInnen, einige hielten sogar unsere Schilder hoch. Kurz vor Seehofers Abfahrt bekräftigte er vor den versammelten PressevertreterInnen nochmals, den Termin mit StudierendenvertreterInnen wahrzunehmen.

Die CSU-Abschlusskundgebung am Stachus war der Höhepunkt unserer Wahlkampfaktionen. Die ZuschauerInnenreihen um die Absperrung schienen nur aus StudiengebührengegnerInnen zu bestehen. Mit über 30 Schildern und Transparenten bekundeten wir erneut unser Anliegen. Die RednerInnen wurden teilweise lautstark ausgebuht und es wurde „Abschaffen“ skandiert. Seehofer ging gleich zu Beginn seiner Wahlkampfrede auf uns ein, dabei sprach er davon, dass er auch in Würzburg, Nürnberg, Regensburg und Augsburg auf protestierende Studierende gestoßen war. Dies zeigt, dass in ganz Bayern Studiengebühren weiterhin ein bestimmendes Thema sind.

Der Erfolg der Aktionen wurde am Dienstag, den 9. Juni, bestätigt. Es wurde ein fester Termin in der Staatskanzlei für Juli vereinbart.

Dem Ministerpräsidenten scheint das Thema Bildung und Studiengebühren wichtig zu sein. Das Gespräch wird hoffentlich mit einem konstruktiven Ergebnis und nicht im allgmeinen „Wahlkampf-Blabla“ enden. Wir werden uns auf keinen Fall mit irgendwelchen leeren Versprechungen zufrieden geben.

Neben den Demonstrationen auf der Straße sind Auseinandersetzungen mit PolitkerInnen und EntscheidungsträgerInnen sehr wichtig, um die Studiengebühren abzuschaffen und eine bessere Bildungslandschaft zu erhalten. Wir werden weiter aktiv sein, bis wir unsere Ziele erreicht haben.

Weitere Informationen zur Kampagne unter www.beherzt-handeln.de

Felix H.

berherzt-handeln


viagra | Cialis | Viagra Online | Cheap Levitra