Menschen mit Behinderung werden in unserem Bildungssystem sehr stark benachteiligt. Sie werden gerne auf sogenannte Förder- oder Sonderschulen abgeschoben, und wenn sie es schaffen, auf eine Regelschule zu gehen, haben sie es sehr viel schwerer als ihre nicht-behinderten MitschülerInnen. Nur 15% der behinderten SchülerInnen gehen in Deutschland auf eine Regelschule. (Im EU-Durchschnitt sind es 80%!) Wer dagegen an einer Sonderschule unterrichtet wird, hat später kaum noch eine Chance auf berufliche Eingliederung.
Im Schnitt gehen acht von zehn SonderschülerInnen in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Das liegt daran, dass sie nach ihrer Schulzeit kein qualifiziertes Zertifikat erhalten, sondern nur eine Art Teilnahmebestätigung. Wer nach der Förderschule keinen Abschluss an einer weiterführenden Schule erwirbt, gilt als SchulabbrecherIn. Die Berufschancen dieser SchülerInnen sind also verschwindend gering, denn wer stellt schon eine/n Behinderte/n ein, noch dazu ohne Schulabschluss – Wer in unserer Gesellschaft wirtschaftlich nicht „verwertbar“ ist, zählt nichts. Und das fängt in der Schule an. Unser Bildungssystem dient der Produktion von lauter gleichförmigen, unterwürfigen und angepassten Arbeitskräften. Individualität hat da nichts zu suchen. Und Menschen, die von vornherein als anormal stigmatisiert werden, Menschen mit einer Behinderung, die nach dem allgemeinen Leistungsbegriff nicht so viel „leisten“ können wie die anderen, fallen durchs Raster der Verwertungslogik.
Jana, 19, leidet an Muskelschwäche und ist Rollstuhlfahrerin. Sie kommt aus Kaufbeuren und wohnt jetzt in München in der Pfennigparade, einer stationären Einrichtung für Menschen mit körperlicher Behinderung, in der diese wohnen und zur Schule gehen können. Im Moment geht sie in die 11. Klasse auf die FOS.
Deutschland bildet in Europa das Schlusslicht bei der Integration von Menschen mit Behinderung an Schulen. Wie hast du das persönlich zu spüren bekommen?
Schon in den normalen Kindergarten zu gehen, war für mich ein Problem. Ich durfte dort nur hin, weil meine Schwester auch in diesem Kindergarten war. Wegen meiner Behinderung musste ich noch in einen Vorschulkindergarten gehen und bevor ich auf die Grundschule gehen durfte, musste ich eine eigene Prüfung machen, ob ich auch „schultauglich“ bin, ob ich wirklich nicht geistig behindert bin. Dann war die Grundschule nicht behindertengerecht eingerichtet, mein Papa hat schließlich selbst in der Schule eine Rampe für mich gebaut. Und meine Freundinnen haben mir beim Toilettegehen geholfen. Ein Pflegedienst, der in der Pause hätte kommen können, wurde mir nicht gezahlt. Die sind sozusagen davon ausgegangen, dass meine Mutter nicht arbeitet und in der Pause kommen kann.
Aber zum Glück haben meine Freunde mir geholfen. Das musste ich also alles privat regeln, Unterstützung von der Schule konnte ich nicht erwarten, die haben mich grad so akzeptiert, aber mehr nicht.
Als ich dann nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen wollte, konnte ich nicht auf das staatliche Kaufbeurener Gymnasium, weil es nicht behindertengerecht war, und mit dem vielen Räume-Wechseln wäre das nicht möglich gewesen. Es gab noch eine katholische Klostermädchenschule, wo ich aber nicht hin wollte. Die hätten zwar einen Aufzug gehabt, aber pflegemäßig wäre da auch nichts gewesen.
Also musste ich mit zehn Jahren nach München ziehen in die Pfenningparade, und bin auf das Dante-Gymnasium gegangen, wo ca. 20 behinderte Schüler waren. Da gab es einen Aufzug, eine Pflegekraft, eine Behindertentoilette, und man hat bei Prüfungen Zeitverlängerung bekommen. Gefehlt hat mir aber trotzdem, dass die Integration da nur theoretisch war, wir haben nie in der Klasse darüber geredet, immer hieß es „keine Zeit“. Ein Problem war auch, dass auch Nichtbehinderte den Aufzug benutzen, sodass ich nicht mehr reinpasste und diejenige, die meinen Rollstuhl schob und ich zu spät kamen. Der Lehrer sagte dann einfach, ich solle doch früher aus der Pause gehen.
Dann habe ich es nicht mehr geschafft auf dem Gymnasium und bin nach der siebten Klasse auf die Realschule gegangen. Aber in München wurde ich nirgendwo genommen, immer wurden bloß fadenscheinige Argumente vorgebracht wie dass sie keine Pflegekraft einstellen könnten.
Also bin ich auf die Pfenning-Real-schule, obwohl ich eigentlich lieber auf eine Regelschule gegangen wäre. Auch nach der Realschule hat mich keine staatliche FOS genommen, und genau dasselbe bei den Münchner Gymnasien, bei denen es eine Übergangsklasse gegeben hätte, bis auf das Adolf-Weber-Gymnasium, aber da gab es nur einen Wirtschaftszweig. Interessant wäre für mich der sozialwissenschaftliche Zweig gewesen, aber meine Interessen zählten ja nicht.
Deswegen bin ich schließlich auf die Pfenning-FOS gegangen. Das Konzept Integrationsschule finde ich ja gut, aber diese Schulen sind oft eher eine Art Sozialauffangbecken, wo Behinderte abgeschoben werden zusammen mit Schülern, die es auf einer Regelschule nicht schaffen. Dort leben sie aber wie in einer Schutzblase und werden mit den Problemen, die Behinderte in unserer Gesellschaft haben, nicht konfrontiert. Viele Eltern erziehen auch ihre behinderten Kinder „Du bist behindert, du schaffst es sowieso nicht“. Diese Kinder wachsen dann sehr behütet und isoliert auf, eine Lösung ist das aber nicht.
Es gibt also eine große Diskrepanz zwischen dem, was rechtlich möglich ist, und der Praxis. Was meinst du kann man dagegen tun?
Erstens sollte man Gelder bereitstellen, das Schulen für den Umbau zur behindertengerechten Schule und zur Einstellung von Personal nutzen können. Dann wäre es w ichtig, dass im Unterricht generell mehr über Randgruppen gesprochen wird, über Behinderte genauso wie über wirtschaftlich Schwächere. Bei der Integration ist es wichtig, das man sich auch mit dem Thema beschäftigt, wenn es einen nicht betrifft.
Wichtig ist es auf jeden Fall, dass extrem viel Geld fließen muss, um Barrierefreiheit zu garantieren. Irgendwann soll es normal sein, dass Behinderte und Nichtbehinderte in Freizeit und Schule miteinander leben.
Menschen mit einer Behinderung werden in unserem Bildungssystem extrem benachteiligt. Auf eine Regelschule zu gehen, ist für behinderte SchülerInnen sehr schwierig, und über den Sonderschulweg sind die Chancen verschwindend gering, einen guten Abschluss zu erreichen. Du hast es trotz allem bis zum Studium geschafft.
Was muss sich deiner Meinung nach am Bildungssystem ändern?
Viele Körperbehinderte gehen auf Förderschulen, weil es nicht so leicht ist, eine geeignete Regelschule in ihrem Umkreis zu finden, vor allem auf dem Land. In den Wohngruppen ist aber auch oft kein Platz mehr, und dann zahlt der Staat lieber die Anfahrt als eine Wohngelegenheit in der Nähe der Schule. Für Behinderte ist deswegen oft eine zwei- bis dreistündige Anfahrt normal.
Was sich am Bildungssystem ändern müsste, gilt für Behinderte eigentlich genau wie für Nichtbehinderte.
Es müsste an jeder Schule einen Zivi oder einen SFJler geben, egal ob Behinderte auf der Schule sind oder nicht. Dann müsste Integration von Menschen mit Behinderung im Unterricht viel mehr thematisiert werden. In den Lehrbüchern sind zum Beispiel nie Rollstuhlfahrer abgebildet. Und die Klassen müssen kleiner werden.
Oft zieht eine körperliche Behinderung auch eine geistige Behinderung nach sich, diese Schüler sollen aber nicht auf die Sonderschule abgeschoben werden, sondern in einer Gesamtschule individuell gefördert werden. Behinderte haben oft eine verzögerte Entwicklung, die Zeit dafür muss gegeben werden.
Anna