„Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. […] die höheren Studien sollen allen nach Maßgaben ihrer Fähigkeiten und Leistung in gleicher Weise offen stehen.“ Art. 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lässt eigentlich keine Fragen offen: Bildung ist ein elementares Recht aller Menschen – unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Staatsangehörigkeit. Na und? In Deutschland ist doch alles in Ordnung, oder? Es gibt genügend Kindergärten, Schulen und Exzellenzuniversitäten, die für die mehr oder weniger gute Ausbildung der nachfolgenden Generationen sorgen. Es gibt BAföG und Stipendien und sogar das Konzept der Ganztagesschulen beginnt sich durchzusetzen. Und beim Übertritt aufs Gymnasium zählen ganz klar nur die Noten – nicht die Herkunft. Der Staat ist sogar so sehr über die Bildung seiner Bürger besorgt, dass Kinder zum Schulbesuch verpflichtet werden. Toll.
Oder etwa doch nicht? Bilden wir es uns nur ein, dass vor allem Kinder aus gut situierten Familien auf weiterführenden Schulen, und vor allem in den Hörsälen anzutreffen sind? Ist einR JugendlicheR mit Migrationshintergrund, vielleicht sogar mit einer anderen Hautfarbe, der/die studiert, nicht doch irgendwie ungewohnt? Und ist die Vorstellung eines Kindes aus einer Akademikerfamilie, das nur den Hauptschulabschluss erreicht, nicht zutiefst absurd??
Ein Blick auf die Statistik bestätigt dies:
- Kinder aus Familien mit höherem sozioökonomischen Status weisen dreimal geringere Hauptschulbesuchsquoten auf und besuchen fünfmal häufiger das Gymnasium.
- 83 % der Akademiker-Kinder studieren.
- nur 23 % aus Familien ohne akademische Tradition besuchen eine Hochschule.
- Migrationshintergrund führt in allen Stufen des Schulsystems zu Benachteiligungen.
- selbst bei gleichem Sozialstatus seltener auf dem Gymnasium.
- ausländische Jugendliche verlassen doppelt so häufig wie deutsche ohne Hauptschulabschluss die Schule.
- Deutsche erwerben dreimal so häufig die Hochschulreife.
Das Deutsche Studentenwerk stellt fest: „In kaum einem anderen Industrieland ist der Bildungserfolg so stark an die soziale Herkunft gekoppelt wie in Deutschland.“ Und sogar das Jahresgutachten der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft kommt zu dem Ergebnis: „Bildungsgerechtigkeit ist neben dem Leistungsstand deutscher Schüler das Hauptdefizit des deutschen Bildungssystems.“ Bildung und somit spätere Karriere- und Einkommenschancen hängen in Deutschland in hohem Maße von der sozialen Herkunft und dem Bildungsstand der Eltern ab. Die Startvorteile von Kindern aus gebildeten Schichten werden durch das deutsche Bildungssystem gerade nicht durch eine gezielte Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten etwas kompensiert. Ganz im Gegenteil, sie werden vor allem durch das mehrgliedrige Schulsystem weiter zementiert und verstärken sich so von der Grundschule bis zur Universität. Wer aus einer bildungsfernen Familie mit womöglich niedrigem Einkommen stammt, wird sich – wenn er oder sie denn überhaupt so weit gekommen ist – den Schritt an die Hochschule mit der damit verbundenen Aussicht auf Schulden durch Studiengebühren zweimal überlegen.
Jedem Schüler und jeder Schülerin sollte durch gezielte Förderung die Möglichkeit gegeben werden, sich entsprechend seiner oder ihrer Fähigkeiten zu entwickeln und zu entfalten. Und zwar unabhängig vom Elternhaus. Die sozialen Unterschiede sind in unserer Gesellschaft groß genug, die zusätzlichen Hürden für Kinder aus sozial schwächeren Familien müssen beseitigt werden. Da die Intelligenz nicht quasi naturgegeben bei Kindern von reichen Eltern angesiedelt ist, ist es eine zentrale Aufgabe des Bildungssystems, intelligente und lernbereite Kinder, die nicht das Glück hatten, in ein gut situiertes und gebildetes Elternhaus hineingeboren zu werden, gezielt zu fördern. Nicht soziale Selektion sollte das Ergebnis der Schullaufbahn sein, es sollten vielmehr Lernanreize gegeben werden, Möglichkeiten durch Bildung aufgezeigt werden, Neugierde geweckt werden, der Horizont erweitert und zur Selbstentfaltung beigetragen werden. Woher soll ein Kind mit zwei arbeitslosen Eltern denn wissen, dass Bildung sich auszahlt, dass sich gute schulische Leistungen lohnen und ein Weg aus der Perspektivlosigkeit sein können? Dass sich die Zahl der Kinder aus verarmten Elternhäusern immer weiter erhöht, verschärft die Situation zusätzlich: 10 % der Kinder unter 18 Jahren lebten 2006 in einer Familie, in der kein Elternteil erwerbstätig war; bei 3,4 Millionen oder 23 % (!) der Kinder liegt das Familieneinkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze. Der Bildungsbericht 2008 für Deutschland stellt daher fest: „Angesichts der Tatsache, dass ein Leben in solchen Risikolagen zu einer deutlichen Verschlechterung der Bildungschancen führt, ist ihr Ansteigen in den letzten Jahren besonders bedenklich.“
Aber warum sollte das die Gesellschaft als Ganzes eigentlich interessieren? Eine Bildungselite, die sich quasi selbst reproduziert und für den gesellschaftlichen Fortschritt sorgt, ist doch ausreichend, oder etwa nicht? Aus welchem Grund – lässt man Wunschvorstellungen einer gerechten Welt mal außen vor – sollte denn überhaupt Gerechtigkeit in Sachen Bildung herrschen? Für den Einzelnen sind es neben der persönlichen Entwicklung vor allem die erhöhten Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Während ca. 26 % der Personen ohne Mittlere Reife arbeitslos gemeldet sind, sind es bei Akademikern und Akademikerinnen nur 4,5 %. Auch das Einkommen ist um ein Vielfaches höher: Es liegt bei Hochschulabsolventen und Absolventinnen im Schnitt 53 % über dem von Personen mit Abitur oder Berufsabschluss. Dass dies auch gesamtwirtschaftliche Folgen hat, liegt auf der Hand. So übertreffen aktuell die sozialen Transferleistungen die erforderlichen Kosten zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit um ein Mehrfaches. Die viel zitierte „Schere“ zwischen Arm und Reich resultiert zu einem großen Teil also auch aus unterschiedlichen Bildungschancen und wird durch ein auf soziale Selektivität ausgelegtes Bildungssystem weiter zementiert. Daneben ist die künftige Wirtschaftsstruktur –Stichwort „Wissensgesellschaft“ – durch hochwertige, forschungs- und entwicklungsintensive Produkte und Dienstleistungen gekennzeichnet. Die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften wird bei einer deutlichen Reduzierung der Beschäftigung von niedrig Qualifizierten weiter ansteigen. Hier wird wertvolles Potential vergeudet: Anstatt in die Bildung der breiten Masse zu investieren, was die Abhängigkeit von sozialen Transferleistungen verringern würde, wird durch Elitenförderung und soziale Selektion wertvolles Talent verschwendet. Vor allem im Hinblick auf die demographische Entwicklung stellt dies auch gesamtgesellschaftlich ein großes Problem dar und wird sich in Zukunft noch verschärfen.
Damit keine Missverständnisse auftreten: Der Wert von Bildung liegt keinesfalls nur in wirtschaftlichen Faktoren, dies stellt nur eine positive Wirkung dar. Der Wert von Bildung liegt vielmehr vor allem auch in Bereichen, in denen nicht in Geld gemessen werden kann. Durch Bildung ist gesellschaftliche Teilhabe möglich, sie fördert den Zusammenhalt und die soziale Stabilität einer Gesellschaft, gibt Perspektiven, ermöglicht erst die Selbstentfaltung und fördert die Integration in die Gesellschaft und das politische System. Eine informierte Bevölkerung, der es aufgrund ihres Wissensstandes möglich ist, reflektiert über die eigene Herkunft, geschichtliche Zusammenhänge, Kunst und Kultur, sowie gesamtgesellschaftliche Probleme nachzudenken und mitzudiskutieren, beugt Gewaltbereitschaft und Extremismus eher vor, als Verbote von Killerspielen, die Androhung hoher Gefängnisstrafen oder die Verschärfung des Waffenrechts dies jemals könnten. Durchaus ein Punkt, über den es in Zeiten von Amokläufen an Schulen, einer zunehmenden Gewaltbereitschaft von Jugendlichen und Fremden- und Ausländerhass, nachzudenken lohnen würde.
Sonja
Schlagworte: Bildungsgerechtigkeit
